Osterbrauchtum in der Steiermark: Ratschen in Oberwölz

Osterbrauchtum in der Steiermark: Ratschen in Oberwölz

 

Auf der Suche nach den „Ratschenkindern“

Passend zum Karfreitag, und da ich gerade auf Heimaturlaub in der Steiermark bin, wollte ich die Ratschenkinder fotografieren. Denn am Gründonnerstag „fliegen“ ja bekanntlich die Glocken nach Rom, was so viel heißt wie, dass bis Ostersamstag keine Kirchenglocke läutet. Darum übernehmen die Ratschenkinder diese Aufgabe vorübergehend. So laufen die Kinder 3x täglich durch die Stadt und rufen den altüberlieferten Spruch: „Wir ratschen wir ratschen den Englischen Gruß, dass jeder Christ weiß, dass er beten gehen muss. Fallts nieder, fallts nieder auf eure Knie, bet ́s ein Vaterunser und drei Ave Marie“. Auf der Suche nach einem Ort der diese Tradition noch pflegt, kam ich nach Oberwölz in der Steiermark. Eine wirklich tolle Stadt mit unglaublich freundlichen Menschen über die demnächst ein weiterer Beitrag folgen wird.

Die RatschePünktlich um 12:00h Mittag kamen die Ratschenkinder vom Hauptplatz zur Kirche, aber auch vom Kirchturm war ein komisches Geräusch zu vernehmen. Es klang ähnlich wie die Ratschen der Kinder, war aber um einiges lauter. Natürlich musste ich wissen, was da los war. Daher machte ich mich kurzerhand zum Pfarrhof auf. Im Gespräch mit dem Pfarrer erfuhr ich, dass es in der Stadtpfarrkirche eine ganz besondere Ratsche gibt. Nun war mein Interesse vollends entfacht.

Der „Ratscher“

Vor der Kirche trafen wir Walter Capellari, der für diese Ratsche zuständig ist. Bereits als Kind hat Capellari die Ratsche gehört, war häufig zu Gast im Kirchturm. Vor etwa 15 Jahren wurde dann in Zusammenarbeit mit der FF Oberwölz der Kirchturm entrümpelt. Dabei stießen die Helfer auf das außergewöhnliche Stück, das Capellari gleich als Ratsche identifizierte. Er restaurierte die Ratsche und erweckt sie seither jedes Osterfest zum Leben. Wie alt die Ratsche tatsächlich ist, kann Capellari nicht sagen, er schätzt sie aber als sehr alt ein, da die Nägel noch aus Holz sind.

Kurze Zeit später war klar, um 15:00h ist die Ratsche im Kirchturm wieder im Einsatz und ich darf dabei sein. Schon die Kirche an sich ist Dachstuhl Pfarrkirche zum Hl. Martinwirklich etwas Besonderes, aber der Weg hinauf in den Kirchturm ist ein absolutes Highlight. Auf dem Weg nach oben sieht man die verschiedenen Baustile der Kirche, wandelt sozusagen durch die verschiedenen Epochen, von der Entstehung der Kirche 1248 bis heute. Oben angekommen hat man einen tollen Ausblick über Oberwölz und die umliegenden Dörfer.

Los gehts

Pünktlich um 15:00h, die Ratschenkinder zogen gerade wieder vom Marktplatz in Richtung Kirche, ließ Capellari die Ratsche erklingen. Wie bei einer Drehorgel wird der Griff gekurbelt, dabei heben die Holznasen die Holzzungen in die Höhe und erzeugen so das typische Ratschengeräusch. Fünfzig Umdrehungen 3x hintereinander. Zum krönenden Abschluss durfte ich die Ratsche selbst betätigen.

Ein wirklich tolles Erlebnis. Morgen, am Ostersamstag, um 12:00 könnt ihr die Ratsche in der
Stadtpfarrkiche zum Hl. Martin noch einmal hören. Eine wirklich tolle Gelegenheit steirisches Brauchtum hautnah zu erleben.